Lia und das R-Team – Ein Bilderbuch über Resilienz (für Eltern und Fachkräfte) – Thomas Köhler-Saretzki und Alexandra Roszak, illustriert von Anika Merten – Balance / Psychiatrie Verlag – Rezension

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Psychische Erkrankungen: Waren sie im Blick auf die Diagnosegruppen bei Krankschreibungen vor 20 Jahren noch nahezu bedeutungslos, belegen sie heute Rang 2 (Quelle: BKK Gesundheitsreport 2018). Erkrankungen der Seele wie Angststörungen, Depressionen oder auch eine Alkoholstörung haben natürlich beträchtliche Auswirkungen – nicht auf die betroffenen Personen, sondern auch auf Familienangehörige, insbesondere Kinder.  Ca. 5 bis 6 Millionen Töchter und Söhne in Deutschland leben mit einem psychisch erkrankten oder suchtkranken Elternteil. Unsicherheit, Vernachlässigungen, Furcht vor Stigmatisierung sind nur einige der Belastungen, die diese Kinder erleiden.

Umso relevanter ist es, dass für erkrankte Elternteile und intervenierende Fachkräfte Materialien bereitstehen, die die Herausforderungen, die sich für die betroffenen Kinder ergeben, beleuchten, dabei aber nicht im Problem-Modus steckenbleiben, sondern konkrete Lösungsansätze offerieren.

Das Buch „Lia und ihr R-Team“ aus dem BALANCE Buch + Medien Verlag ist solch ein Material. Die Autoren kreierten 4 Resilienz-Freundinnen, die sie auf 36 Seiten Lia, der 9-jährigen Protagonistin, zur Seite stellen: Wie schafft Lia einen Tag, der wieder einmal schwierig beginnt, weil ihre Mutter psychisch erkrankt ist und gar nicht erst aufsteht?

Fabia, Petja, Sofia und Gesa beobachten das Geschehen aufmerksam aus ihrer „Kommandozentrale“ heraus und schalten situationsgerecht ihre persönlichen „Superkräfte“ ein – hier fühlt man sich an den Film „Alles steht Kopf“ aus dem Hause Pixar erinnert.  Auch hier werden Lia und ihren Eltern ermutigt, ihre Emotionen wahrzunehmen und offen auszusprechen sowie gemeinsam ihre Resilienz zu mobilisieren, also jene persönlichen und sozialen Ressourcen, die es braucht, um widrigen Lebensumständen gut zu begegnen, ganz voran der familiäre Zusammenhalt.

Mein Fazit nach dem Lesen: Ob dieses Buch, wie im Nachwort beschrieben, auch für Kinder aus der entsprechenden Altersklasse geeignet ist, bezweifle ich, da Vokabeln wie „selbstwirksam“, „effektiv“ oder „Kompetenzen“ den Verständnishorizont von Grundschüler*innen sicherlich überschreiten. Doch für Eltern und Fachkräfte, an die sich das Werk ja auch in erster Linie richtet, kann es ein fachgerechtes, pointiertes und liebevoll bebildertes Grundlagenbuch darstellen, das sicherlich in zweierlei Hinsicht hilfreich ist: Zum einen entwickelt die oder der Lesende in kürzester Zeit ein kompaktes Wissen über Resilienz, zum anderen lässt sich mit oder durch das Buch sicherlich einfacher ein kindgerechtes Gespräch über die bedrückende, beängstigende Familiensituation gestalten, wie sie mit der psychischen Erkrankung von Müttern oder Vätern einhergeht.

Wertvoll fand ich auch die kurzen Fakten, Sachinformationen und Tipps am Rande der Textseite – sie weisen prägnant auf relevante Unterstützungsfaktoren und potenzielle Gefahren hin, wie bspw. darauf, dass Kinder psychisch belasteter Eltern dazu neigen können, Verantwortung für diese sowie Schuld an der familiären Belastungssituation zu übernehmen, was u.a. zur sogenannten Parentifizierung führen kann.

Das lose beiliegende Arbeitsposter, mit dem betroffene Kinder ihr eigenes R-Team zusammenstellen können, ist zudem eine tolle Beilage und rundet das Buch weiter ab.