Moralentwicklung

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Entwicklung als qualitative Veränderung von Merkmalen Stufe für Stufe zum Ziel? Theorie der Entwicklung des moralischen Urteils nach dem Stufenmodell von Lawrence Kohlberg Gliederung
4 Charakteristika der Stufentheorie 4.1 Moralisches Urteil und moralisches Handeln 4.2 Inhaltsunabhängigkeit 4.3 Entwicklung als Stufenfolge 4.4 Entwicklungsprozesse 4.5 Je höher desto besser !? 4.6 Invarianz 4.7 Universalität 4.8 Meßprobleme. Nur Meßprobleme?

5 Moralische Erziehung

6 Evaluation, Erläuterung und Kritik zur Theorie Kohlbergs

7 Literaturverzeichnis

 

4 Charakteristika der kohlbergschen Theorie

4.1 Moralisches Urteil und Moralisches Handeln

– Kohlbergs Theorie thematisiert zunächst nur das moralische Urteilen und nicht das moralische Handeln

– er nahm an, daß das (moralische) Handeln sich mehr oder weniger nach dem (moralischen) Urteil richtet

– J.R. Rest (ein Schüler K.) stellte die theoretische Beziehung einmal so dar:

Situation —> Interpretation der Situation—> Beurteilung , was in der Situation moralischerweise getan werden sollte —> Entscheidung für eine Handlung —> Ausführung der Handlung

– K. Annahme, daß sich auf höheren Stufen das moralische Handeln aus dem moralischen Urteil besser vorhersagen läßt als auf niederen Stufen (weil höhere Stufen relativ stabilere Standards aufweisen) konnte zwar schwach bestätigt werden, ist aber auf Grund vieler damit einhergehender Probleme bei der Erfassung der Beziehung zwischen dem moralischen Urteil und dem moralischen Handeln ( Interpretation der realen Situation, moralische Motivation etc. ) zu bezweifeln
4.2 Inhaltsunabhängigkeit

– Anfang der 60`er Jahre postulierte K., daß weder die Stellungnahme zum Dilemma , noch der Inhalt des Dilemmas die Stufe der Argumentationsstruktur bestimmt

– statt dessen galt nach Kohlberg eine entsprechend weit gediehene Denkentwicklung als notwendige (wenn auch nicht einzige) Bedingung für ein bestimmtes Niveau des moralischen Urteils

– später (ab 1978) revidierte K. seine Meinung und betonte, daß der Inhalt eines Dilemmas für ein moralisches Urteil doch eine Rolle spielt, was belegt ist durch empirische Untersuchungen bei denen zwischen den Argumenten gleicher Individuen zu verschiedenen Inhalten immer wieder Stufenunterschiede gefunden wurden

– eine andere Sichtweise zu diesem Punkt vertrat Henry (1983) , die zu zeigen versuchte, daß die Entwicklung des moralischen Urteils nicht von der kognitiven Entwicklung abhängig ist, sondern auf der Entwicklungsfolge von Autoritäten beruht, mit denen sich das Individuum jeweils identifiziert
4.3 Entwicklung als Stufenfolge

– Entwicklung ist hier gemeint als die qualitative (und quantitative) Veränderung des Merkmals moralische Urteilsstufe

– Entwicklung ist das Erreichen von immer höheren Stufen die jeweils aufeinander aufbauen und die die Argumente der tieferen Stufen neu integriert (sog. hierarchische Integration)

– erkennbar ist die Entwicklung an der quantitativen Zunahme lösbarer Dilemmata (Quantität) und an der Verbesserung der Lösungsqualität dieser Dilemmata , d.h. das erkennen und verarbeiten komplexerer Zusammenhänge und Strukturen ist möglich

– da jede Stufe die vorherige relativiert, muß die Entwicklung von Stufe zu Stufe voranschreiten und zwar ohne Auslassung einzelner Stufen

 

4.4 Entwicklungsprozesse

– Frage  : Welche Prozesse bewirken den Aufstieg von Stufe zu Stufe?

– K. betonte daß es weder biologische Wachstumsprozesse seien, noch das gedächtnismäßige Behalten vorgegebener moralischer Regeln

– ein Konflikt, Problem oder ein (künstlich dargebotenes) Dilemma verursacht in einem Individuum ein Ungleichgewicht

-dieses führt zu Spannungen zwischen dem Bedürfnis nach Gleichgewicht einerseits und den (vorläufig) unlösbaren Widersprüchen des Dilemmas andererseits

– die Entwicklung des moralischen Urteils basiert damit auf der Verarbeitung von a priori (aus Vernunftgründen) nicht verträglichen Erfahrungen und Argumenten durch die Erarbeitung immer „höherer“ und umfassenderer Gesichtspunkte, welche die Neugliederung bereits bekannter Argumente und Schemata und die Einbeziehung neuer Aspekte umfaßt -in diesem Entwicklungsprozeß werden die Gegensätze aufgelöst und in ein gemeinsames Gleichgewicht gebracht
4.5 Je höher desto besser!?

– Frage: Werden die Menschen im Laufe ihres Lebens immer „moralischer“ und urteilen sie mit zunehmender Entwicklung nach immer höherstehenden moralischen Kriterien?

– nach K. Vorstellungen ist das letzte/höchste Kriterium ein umfassendes Gerechtigkeitsprinzip (etwa nach Rawls, 1971) d.h. je höher die moralische Stufe eines Individuums ist, desto differenzierter und komplexer ist das Urteil (nicht unbedingt das Handeln!) aber auch reversibler und gerechter, und desto weniger Menschen seiner Umwelt haben unter dem Egoismus dieses Individuums zu leiden

– empirisch konnte mehrfach nachgewiesen werden, daß der Stufenanstieg mit dem Lebensalter zusammenhängt (Rest, 1974)

– Ausnahme: das Problem der „ Retrogression“

in einer berühmt gewordenen Längsschnittuntersuchung (Kramer, 1968; Kohlberg & Kramer, 1969) von Jugendlichen zwischen High School (durchschnittliches Alter 16,9 Jahre) und College(19,11) wurde festgestellt, daß ein Teil der Vpn die offensichtlich die Stufe 4 erreicht hatten, plötzlich wieder Argumente der Stufe 2 gaben

– K. interpretierte diese Retrogression so: es handelt sich um eine Konfusion von gewöhnlichem Denken und den Anfängen eines Denkens nach Prinzipien, d.h. ein Individuum erkennt die gesellschaftlichen Normen und wird sich bewußt, daß sie auf bestimmten Prinzipien aufbauen sollten -es ist damit aber noch nicht auf Stufe 5, da es sich solchen Prinzipien gegenüber noch nicht verpflichtet fühlt und daher gerne materialistisch und egoistisch argumentiert was der Stufe 2 entspricht

– K. modifizierte seine Theorie und führte daraufhin eine sogenannte Stufe 4 ½ ein (1972 a)

– andere Forscher z.B. Gibbs (1979) schlugen vor, die erwachsene Moralität nicht nach logischen, sondern nach existentiellen Dimensionen zu beschreiben – mit zunehmendem Alter zählen weniger allgemeine Prinzipien , sondern mehr konkrete (persönliche) Einzelfälle wie Krankheit, Liebe, Verantwortung und Tod

-Gibbs Idee war, daß das einer Vpn vorgelegte Dilemma für diese evtl. gar nicht von existentieller Bedeutung ist (sog. Problem der Verhältnismäßigkeit)

 

4.6 Invarianz

– K. nahm an ,daß die Entwicklung des moralischen Urteils prinzipiell nie zurückfällt

– durch eine Längsschnittuntersuchung von Colby & Kohlberg (1987) konnte gezeigt werden, daß Stufenrückschritte über die Jahre seltener waren als es der Meßfehler bei invarianter Stufenzugehörigkeit gestattet hätte

– auch Stufensprünge nach oben sind eher selten und wenn sie auftreten ist nicht zu entscheiden ob die Zwischenstufe nicht zwischen zwei Messungen durchlaufen wurde (da Messungen nur alle drei Jahre durchgeführt wurden)
4.7 Universalität

-K. hat wiederholt gezeigt, daß die Skala in verschiedenen Kulturen anwendbar ist (z. B. BRD. China ,Indien , Israel , Japan , Kenia, USA, Türkei)

– das impliziert aber nicht, daß die Entwicklung des moralischen Urteils überall gleich schnell verläuft und schließlich das gleiche Niveau erreicht (dieses ist kulturabhängig) – und es bedeutet auch nicht das die Skala den unterschiedlichen Kulturen gerecht wird

– die Niveau- und Tempodifferenzen sind erklärbar mit dem jeweiligen sozialen Kontext, der Religion etc.

– nimmt man jedoch einen Vergleich auf einer hinreichend abstrakten Strukturebene (unter Ausklammerung obiger Unterschiede) vor, so sind die Gemeinsamkeiten im moralischen Urteil so groß, daß sich so etwas wie „kulturelle Universalität“ erkennen läßt.

Meßprobleme. Nur Meßprobleme?

– da in den kohlbergschen Interviews frei sprachlich argumentiert wird ist die Zuordnung der Antworten in die sechs Stufen zum Teil sehr schwierig

– die Handhabung der Skala bedarf langen und intensiven Trainings

– neuerdings gibt es systematisierte Kodierungsverfahren die aber Reliabilitäts- und Konsistenzmängel (z. B. Antworten einer Vpn aus der gleichen Testsession sind verschiedenen Entwicklungsstufen zuzurechnen) aufweisen

– da diese Probleme trotz großer Anstrengungen bis heute nicht genügend gelöst werden konnten, muß man sich fragen ob es statt an den Instrumenten nicht vielleicht am Meßgegenstand ,dem moralisches Urteil, selbst liegt, der zu ungenau umrissen und von zu vielen unbekannten Variablen abhängig ist

 

5 Moralische Erziehung

Da moralisches Urteil auf hoher Stufe offensichtlich wertvoller für uns ist als moralisches Urteil auf niedrigerer Stufe, drängt sich, wenn man vom Zusammenhang zwischen moralischem Urteil und Handeln ausgeht, die Postulation nach einer pädagogischen Nutzung der kohlbergschen Erkenntnisse auf!

– K. Schüler Blatt (Blatt & Kohlberg, 1975) setzte die erwähnten Dilemmata aus der Diagnose versuchsweise bei 11 – 16 jährigen Schülern als pädagogisches Instrument ein um deren Wirkung zu testen. Die Kinder sollten in freier Runde Argumenten anderer( v.a. denen der Vl.) lauschen und auch selber argumentieren. Es wurden dazu bekannte pädagogische Techniken (z.B. Modellernen) aber auch vor allem das direkt von Piaget abgeleitete Mittel der Äquilibration eingesetzt. Ergebnis: Die Kinder entwickelten eine höhere moralische Stufe! Siehe Abb.!(Die Kinder wurden vor und nach der Diskussion `eingeStuft`) Des weiteren:

-befürworteten Kinder gelauschte Argumente die in ihrer eigenen oder eine Stufe höher als ihre eigene lag -argumentierten Kinder selber in ihrer eigenen oder der nächst niedrigeren Stufe -bei gezieltem Aussetzen von Argumenten der nächst höheren Stufe war die Wahrscheinlichkeit am höchsten, daß sie in die nächste Stufe wechselten (sog. Plus- 1 -Methode)

-Argumenten , die mehr als 1 Stufe von des Kindern eigener Stufe entfernt waren, konnten sie meist nicht mehr folgen, geschweige denn selber einsetzen
– zusätzlich zu der von Blatt eingesetzten kognitiven Ebene (moralisches Urteil) des Erlebens fordern Forscher wie Haan(1985) und Evans&McCandless(1978) eine Ausweitung des Erlebens dieser Dilemmata auf affektiver Ebene und Verhaltensebene (Vertrauen, Schuldgefühle, Mitgefühl, Kooperation) um die Wirkung zu erhöhen, und sie konnten damit auch erhöhte Effizienz nachweisen. Ein Mittel um alle Ebenen anzusprechen sind z. B. Rollenspiele

-Auch im Bereich der Therapie und Beratung wird die Äquilibration zur kognitiven Resrukturierung eingesetzt

-Nach Flammer (1988) verlieren die moralischen Grundsätze in unserer Gesellschaft durch die Beziehungslosigkeit zu Werten (Überflußgesellschaft) und der fehlenden Rückkopplung des Verhaltens ( z.B. Umweltverschmutzung) , immer mehr an Wert. Weil nun die hohen Stufen des moralischem (kognitiven) Handeln ohnehin kaum jemand erreicht, fordert er vor allen Dingen im Bezug auf die Pädagogik mehr unmittelbare affektive Rückkopplung des Verhaltens (z.B. Täter-Opfer -Ausgleich) in unserer Gesellschaft auf einer zwar niedrigen Stufe um aber überhaupt einen gewissen moralischen Standard zu garantieren
6 Evaluation, Erläuterung und Kritik zur Theorie Kohlbergs
– Die qualitative Reihenfolge der Stufen muß letztendlich philosophisch betrachtet und beurteilt werden. Aus dem System selbst heraus läßt sich nicht immer erkennen, daß die nächst höhere Stufe unbedingt die bessere sein muß. So muß man erläuternd sagen, daß hinter der Theorie Kohlbergs ein gewisses Menschenbild steht. Angelehnt am kantianischem Rationalismus geht Kohlberg davon aus, daß es a priori naturgegeben letzte gerechte, universale Regeln gibt, die jedes Individuum allerdings erst ontogenetisch erwerben muß.

– Obwohl Kohlberg auch Untersuchungen an Erwachsenen durchführte (es kann sowohl ein Familienvater als auch ein 15 -jähriger Volksschüler auf Stufe 3 stehen), muß man sagen, daß von ihm keine näheren Angaben zu biographisch und soziologisch definierten Positionen der Individuen gemacht werden.

-Bei näherer Betrachtung K. Theorie tun sich zwei Mankos auf: 1. das Niveau des moralischem Urteils betrifft nicht den Inhalt sondern nur die Argumente 2. Das Urteil legt nicht zwingend das Handeln fest

-trotz mancher Kritik an K. Theorie haben empirische Untersuchungen die Invarianz der Stufen und einen gewissen Zusammenhang zwischen moralischem Urteil und Handeln aufgezeigt

– die exakte Operationalisierung der Stufen ist noch nicht zufriedenstellend gelungen

– die Argumentationsstrukturen sind möglicherweise vorzüglich nur auf eine männlich geprägtes Weltbild anzuwenden. Vor allen Dingen manche Autorinnen finden sich mit der Hierarchie der Argumentationsgüte nicht einverstanden

– wie oben bereits erwähnt, umfaßt K. Theorie nur die kognitiven, nicht auch die affektiven Strukruren zur Moralbildung

-höhere moralische Stufen sind in manche Kulturen nicht nachweisbar.

-Erziehung und Verbalisierungsfähigkeit der westlichen Gesellschft und nicht eigentlich die Qualität des moralischen Urteils sind möglicherweise Voraussetzung zur Erreichung höherer Stufen
7 Literaturverzeichnis

Die vorliegende Zusammenfassung ist eng angelehnt an: -Flammer, A. (1988). Entwicklungstheorien. Bern: Hans Huber Verlag

Ferner wurden verwendet: -Brown, R. & Herbsten, R.J. (1984). Grundriß der Psychologie. Berlin: Springer Verlag -Oerler, R. & Montada (1995). Entwicklungpsychologie. Weinheim: Beltz Psychologie Verlags Union -Oser, F. (1992). Moralische Selbstbestimmung: Modelle der Entwicklung und Erziehung im Wertebereich. Stuttgart: Klett-Cotta -Trautner, H.M. (1991). Lehrbuch der Entwicklungpsychologie, Band 1. Göttingen: Hogrefe Verlag -Trautner, H.M. (1995). Allgemeine Entwicklungspsychologie. Stuttgart: Kohlhammer -Zimbardo (1995). Psychologie, 6. Auflage. Berlin: Springer Verlag