Der Schlüssel zum emotionalen Gehirn – Mit Gedächtnisrekonsolidierung die Ursache von Symptomen beseitigen – Bruce Ecker, Robin Ticic & Laurel Hulley – Junfermann Verlag – Rezension

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Die Autoren Bruce Ecker und Laurel Hulley sind Mitentwickler der Kohärenztherapie, Robin Ticic ist als Supervisorin für Kohärenztherapie in eigener Praxis tätig. Kohärenz steht hier für den Zusammenhang zwischen Ursache und Symptom.

Das Buch beschäftigt sich mit der Frage und gleichzeitiger Beantwortung ob es möglich ist, tief im emotionalen Gedächtnis des Gehirns sitzende symptomverursachende Verankerungen zu verlernen.
Weitaus mehr Symptome werden durch emotional Gelerntes hervorgerufen, als allgemein anerkannt; und vom Gelernten gesteuerte Symptome existieren allein deshalb, weil sie adaptiv und zwingend notwendig sind. Dieses wird als Symptomkohärenz bezeichnet. (S. 75)

Unerwünschte Verhaltensweisen oder Muster sollen durch Gedächtnisrekonsolidierung wegfallen, ohne das narrative Gedächtnis des Patienten zu beeinflussen.

Zunächst einmal kurz zur Begriffserklärung der Rekonsolidierung:  Rekonsolidierung besagt, dass eine Erinnerung bei Abruf kurzfristig instabil werden kann, so das das Gedächtnis aktualisiert werden kann. Dadurch sind Erinnerungen allerdings auch durchaus manipulierbar. Was folgerichtig dann heißen kann, das wichtige Erinnerungen über die Zeit auch änderbar sein können.

Durch das Konzept der Rekonsolidierung, soll das ursprüngliche Gedächtnis mit neuen Informationen angereichert werden und somit dazulernen.  Oder um es anders auszudrücken:  Mit dem Begriff Rekonsolidierung bezeichnen Neurowissenschaftler zweierlei: Zum einen das erneute Verschließen der Synapsen im letzten Schritt des natürlichen Prozesses, wenn sich die Synapsen aufschließen und wieder verschließen. Zum anderen aber den Gehirnprozess die Synapsen aufzuschließen und dann wieder zu verschließen, wenn sie eine konkrete Erinnerung kodieren. Bestimmte leidenverursachende emotionale Reaktionen wie Verhalten, Gedanken oder körperliche Symptome, werden so nicht mehr ausgelöst.

In diesem Buch wird eine theoriefreie Methode beschrieben, die sich mit vielfältigen Therapieformen kombinieren lässt.  Zum Inhalt:

Nach dem Inhaltsverzeichnis, Geleitwort und Vorwort, ist das Buch in zwei Teile gegliedert.
Der erste Teil beschreibt die emotionale Kohärenz von der wissenschaftlichen Seite aus, ab Kapitel 3 werden Fallbeispiele herbeigezogen.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Kohärenztherapie in der Praxis. Hier werden Fallbeispiele verschiedener Symptomatiken und unterschiedlicher Therapieansätze gut nachvollziehbar von Therapiebeginn bis Therapieende unter Einbeziehung der Kohärenztherapie dargestellt.

Das Buch wird abgeschlossen mit dem Glossar, umfangreichen Literaturhinweisen, Stimmen zum Buch, Register und ganz am Ende eine kurze Vorstellung der Autoren.

Der erste Teil ist in insgesamt 6 Kapitel unterteilt, auf dich ich kurz eingehen möchte.
In Kapitel 1 wird ein kurzer Überblick auf das gesamte Buch gegeben. Gleichzeitig beschäftigt sich dieses Kapitel damit, Effektivität in der klinischen Praxis und damit auch Zufriedenheit im Zusammenhang mit der Kohärenztherapie zu maximieren.

Eine zentrale Sichtweise des Systems der Emotionalen Kohärenz stützt sich auf die Gedächtnisforschung, in welcher bewiesen wurde, dass eine Vielzahl von Symptomen durch das emotionale Gedächtnis hervorgerufen werden. Gleichwohl wird auch betont, dass es auch andere Ursachen für Symptome gibt, wie es z.b. bei einer Depression der Fall sein soll.

Ebenfalls in Kapitel 1 findet sich eine Übersicht über symptomerzeugendes emotional Gelerntes. Dieses in der Vergangenheit emotional Gelernte erfüllte auf einer tiefen Ebene oftmals durchaus einen Sinn und kann dementsprechend auch nicht als eine fehlerhafte Störung angesehen werden. Es kann aber eine jetzige Symptomatik auslösen, quasi als Fehlregulation in den Netzwerken des emotionalen Gehirns.

Kapitel 2 untersucht die wissenschaftlichen Hintergründe der Gedächtnisrekonsolidierung.
Bis zum Jahr 2000 glaubten Neurowissenschaftler, das einmal vorhandenes und lang bestehendes emotional Gelerntes nicht aus dem Gedächtnis getilgt werden kann. Die Entdeckung der Gedächtnisrekonsolidierung, von der erst ab 2004 berichtet wurde, stellt somit einen Durchbruch als auch einen Wendepunkt im Wissen über Lernen und Gedächtnis dar.

In Kapitel 3 wird der Leser dann anhand eines ausführlichen Fallbeispieles mit den Prozessschritten des therapeutischen Rekonsolidierungsprozesses vertraut gemacht.

Das alles unter den Richtlinien des Systems der emotionalen Kohärenz, welche sich aufteilt in:
Zugriffssequenz, Transformationssequenz und Verifierzungsphase.

In Kapitel 3 sind noch Tabellen enthalten, welche sich mit den Schritten des therapeutischen Rekonsolidierungsprozesses befassen; und einer Tabelle, die sich mit den Symptomen auseinandersetzt, welche durch den therapeutischen Rekonsolidierungsprozess beseitigt werden (z.B. Ärger, Wut, Aufmerksamkeitsdefizitprobleme etc…)

In Kapitel 4 werden drei Fallbeispiele herangezogen, welche auf die Schlüsselmomente der transformativen Veränderung eingehen.

In Kapitel 5 wird auf die emotionale Kohärenz und die große Bindungsdiskussion eingegangen. Es soll aufgezeigt werden, wie die emotionale Kohärenz dazu beitragen kann die verschiedenen Standpunkte unter einem Hut zu bringen und die Diskussion zu entpolarisieren. Ist also das symptomerzeugende Schema bindungsbezogen oder nicht bindungsbezogen.

In Kapitel 6 wird dann der therapeutische Rekonsolidierungsprozess im Hinblick auf die Integration in vielfältige andere psychotherapeutische Systeme betrachtet.

Der zweite Teil des Buches behandelt ausführliche Fallbeispiele aus der therapeutischen Praxis in Kombination mit den vielfältigen Psychotherapien, wie zB. EMDR und dem therapeutischen Rekonsolidierungsprozess.

Fazit: Ich bin ein wenig zwiegespalten – Möglicherweise ist auch der Titel für mich leicht irritierend. „Der Schlüssel zum emotionalen Gehirn“ impliziert für mich, dass ein Werkzeug im Bereich Gedächtnisrekonsolidierung vorgestellt wird, welche mir einen Aha-Effekt beschert. Und leider war dem nicht so. Ohne überhaupt im geringsten jemals mit der Kohärenztherapie gearbeitet zu haben, kamen mir die Abläufe ziemlich bekannt vor. Ich hatte den Eindruck, als ob etwas altes ein neues Gewand bekommt. Das durch strukturierte Vorgehensweise eine neue Therapieform geschaffen wird, allerdings ohne eigene Technik, denn die kommt aus den einzelnen kombinierbaren Therapiemethoden.
Ich vermute, dass dies aber auch nicht der Anspruch dieses Buches ist. Es handelt sich hier vielmehr um Adaption, Integration und Kombination von neurowissenschaftlichen Erkenntnissen in bereits bestehende Therapieformen.

Des weiteren möchte ich positiv erwähnen, dass das besprochene Buch aus dem Jahr 2016 stammt, und gerade innerhalb der letzten drei Jahre eine Vielzahl von Büchern erschienen sind, welche sich mit den neuesten neurowissenschaftlichen Erkenntnissen beschäftigen. Für das Jahr 2016 könnte dieses Buch dann auch bahnbrechend gewesen sein. Die umfangreichen Literaturhinweise ermöglichen dem Leser dann auch einen sehr guten Einblick in die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse.

Erstaunlich war für mich tatsächlich die Entdeckung, dass noch vor dem Jahr 2000, also noch nicht einmal vor 20 Jahren davon ausgegangen wurde, dass einstmals festsitzendes Erlerntes und Symptomverursachendes, unveränderlich sein kann. Da ich als Therapeutin erst seit ca. 10 Jahren tätig bin, war es für mich eine Grundannahme, das Symptome sich vollständig auflösen können.
Das Buch verlangt dem Leser einiges an Vorwissen ab, weshalb es für Neueinsteiger eher überfordernd (angesichts der zumindest anfangs teilweise doch recht klinisch anmutenden Sprache) sein kann. Abhilfe schafft hier das recht umfangreiche Glossar am Buchende, so das man recht schnell auf Begriffserklärungen kommen kann, ohne Frau Google zu bemühen.

Sehr gut gefallen haben mir die von Kapitel 3 bis einschließlich Teil 2 des Buches anschaulichen und ausführlichen Fallbeispiele, in welchen die Wirksamkeit des therapeutischen Rekonsolidierungsprozesses erläutert werden, vor allem im Hinblick auf die Einbindung in die verschiedenen Psychotherapieformen, sei es nun EMDR, EFT, und andere.

Durch die umfangreichen Fallbeispiele von der ersten Sitzung bis zum Therapieende, bekommt der Leser auch einen sehr guten Eindruck wie andere Therapeuten arbeiten, und hier und da werden auch kurze Übungen der einzelnen Therapeuten vorgestellt, welche es ermöglichen neu erlerntes Wissen zu vertiefen bzw. zu verankern.

Für den Therapeuten, der sich noch nie mit Neurowissenschaft beschäftigt hat, sicherlich empfehlenswert!