Bin ich ein Narzisst? Oder einfach nur sehr selbstbewusst? – Claas-Hinrich Lammers und Gunnar Eismann – Schattauer Verlag – Rezension

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Auf 163 Seiten behandelt das Buch das in den letzten Jahren zunehmend populär gewordene Thema Narzissmus. Während Hochsensibilität und Hochbegabung positive „Trenddiagnosen“ darstellen, die man sich gerne selbst anheftet, geht es beim Narzissmus immer um den bösen Anderen: Narzisstisch sind der Vater oder die Mutter, der Partner oder der Chef, die Partnerin oder die Vorgesetzte. Die Motivation, andere Menschen als Narzisst oder Narzisstin zu etikettieren, beruht sicherlich immer auf dem großen Leid, das auf der Gegenseite besteht: die Beziehung mit einem narzisstischen Gegenüber macht auf Dauer unglücklich, klein, machtlos, wütend.

So verständlich es ist, in einem einfachen Label Trost, Verständnis und eine gewisse Handlungsanleitung für das komplexe und herausfordernde Verhalten des bspw. Partners zu finden: Die beiden Autoren Lammers und Eismann (beide Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie) weisen bereits in den ersten Kapiteln darauf hin, dass Narzissmus eine ICD10-Diagnose ist, die nicht von Laien gestellt werden kann und auch nicht gestellt werden sollte. Zudem sei kein Mensch nur Narzisst*in – jeder Mensch, auch der Narzisst, verfüge ebenso über weniger problematische bzw. gute, gesunde Verhaltensweisen und Eigenschaften.

Ein weiteres Hauptanliegen des Buches ist es zudem, der Leserschaft verständlich zu machen, dass nicht in jeder selbstbewussten und selbstbezogenen Verhaltensweise bereits Spuren eines ungesunden Narzissmus‘ stecken. Im Gegenteil: auf sich selbst zu achten, nach der Erfüllung der eigenen Bedürfnisse zu streben, sich selbst gut zu finden und manchmal auch besser – all dies sind basale Bestrebungen eines jeden Individuums, das in einem sozialen Gefüge mit Anderen agiert und sich zwangsläufig hier auch mit diesen vergleicht. Die Grenze zwischen einer gesunden Ausprägung zu einer problematischen sei, so die Autoren, immer fließend und nicht an Einzelkriterien auszumachen.

Übersichtliche Tabellen, Schaubilder und kleine Klienten-Geschichten bebildern die Inhalte fortlaufend.
Nach dem Appell der Experten aus den Eingangskapiteln kann mit diesem gemeinsamen Verständnis für das Störungsbild Narzissmus nun ein tieferer Blick auf das selbige geworfen werden: Narzissmus in seiner wahrhaft negativen und problematischen Ausprägung steht im Fokus des Kapitels 3. So werden die für den Narzissmus typische Symptome wie Selbstidealisierung, Größenfantasien, die Abwertung Anderer, der Mangel an Empathie, eine überzogene Kontroll- und Anspruchshaltung sowie die leichte Kränkbarkeit und hohe Aggressivität erläutert, um, daran anknüpfend, die Nachteile zu beleuchten, die der Narzissmus für seine/n „Besitzer*in“ bringt: Viele Narzisst*innen leiden unter wachsendem sozialen Ausschluss und infolge unter Einsamkeit, Unzufriedenheit und großem Stress, was diese in ernstzunehmende Krisen stürzen kann.

Da sich das Buch auch an jene „waschechte“ Narzisst*innen richtet, die Veränderungsdruck verspüren, ist das Experten-Tandem sehr sorgsam in der Wortwahl. Denn bekanntermaßen finden nur wenige Narzisst*innen den Weg in eine psychotherapeutische Praxis, schließlich sind sie ja ziemlich toll. Gleichsam wie seltene Schmetterlinge gilt es also diese veränderungsbereiten Exemplare nicht zu (v)erschrecken mit allzu strengen Urteilen und vermeintlichen Denunziationen. Dies gelingt den Autoren meiner Meinung nach sehr gut. So wird in weiteren Kapiteln des Fachbuchs sprachlich sehr behutsam in die innere Welt narzisstischer Menschen geführt und ein Blick auf deren vulnerables Selbst geworfen, das Gefühle wie Leere, Einsamkeit und Sinnlosigkeit verspüren mag…

Aber auch die Gegenseite darf zu Wort kommen: die Partnerin, der Partner, die/der unter den narzisstischen Anteilen des Gegenübers oft sehr lange und sehr stark leiden. Diesen Perspektivenwechsel vorzunehmen bzw. zu erlernen, ist essentiell für Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung: Nur dadurch wird ihnen schrittweise verständlich, warum ihnen von allen Seiten immer wieder Kritik, Wut, Traurigkeit und Ärger entgegenschwappt und warum sie letzten Endes vielleicht auch verlassen werden…

In den letzten drei Kapiteln 8 bis 10 wird es dann handfest und konkret: Unter der Fragestellung „Bin ich ein Narzisst?“ finden sich nicht nur ein Selbsttest, sondern weitere Fragebögen zur Selbst- und zur Fremdeinschätzung, natürlich inklusive Auswertungshilfen.

Kapitel 9 gibt Veränderungshilfen zur Hand: Wie kann ich die Bedürfnisse anderer Menschen besser wahrnehmen und an meinem grandiosen Ich arbeiten, wie das echte Interesse an mir und anderen wiedergewinnen? Denn Achtung: Auch das Lesen dieses Buches und die wachsenden Erkenntnisse daraus können Betroffene in eine echte narzisstische Krise schleudern. Umso wichtiger ist es, ihnen zum Ende (Kapitel 10) sachte eine Psychotherapie, ggf. auch nur erstmal in Kurzzeitform, schmackhaft zu machen – als möglicher Ausstieg aus dem Teufelskreis Narzissmus.

Voltaire werden die Worte zugeschrieben: „Wenn du wissen willst, wer dich beherrscht, finde heraus, wen du nicht kritisieren darfst.“ Man könnte mit den Autoren das Fazit ziehen: Der narzisstische Mensch kann nur so lange andere beherrschen, bis er sich selbst infrage stellen muss…