Handbuch Traumakompetenz – Lydia Hantke und Hans-Joachim Görges – Junfermann – Rezension

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Autoren dieses Handbuches sind die Dipl. Psychologen Lydia Hantke und Hans-Joachim Görges. Lydia Hantke ist Gründerin vom Institut Berlin, ein Ausbildungsinstitut welches durch die Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie und den Fachverband für Traumapädagogik zertifiziert wurde.

Das Handbuch Traumakompetenz stellt ein Basiswissen für Therapie, Beratung und Pädagogik dar und ist vor allem auf diejenigen sozial engagierten Berater und Beraterinnen zugeschnitten, welche im beruflichen Kontext auch mit traumatisierten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu tun haben. Das können Sozialarbeiter, Berater, Therapeuten aber auch ganz andere Berufsgruppen sein, welche ein Verständnis über die Dynamik einer Traumasituaition bekommen wollen und dem Betroffenen helfen möchten,  sich im Alltag wieder zurechtzufinden und stabil zu werden.

Zunächst zum Buch selber: 500 Seiten geballtes, strukturiert  aufeinander aufgebautes Fachwissen als Taschenbuch, erwartet den Leser. Wobei die 10 Seiten kommentierte Literaturhinweise nicht eingerechnet worden sind.

Die Sprache ist einfach und nachvollziehbar, also auch für den Neuling in Therapie und Beratung mühelos zu verstehen. Der Inhalt ist klar strukuriert und mit Beispielen unterlegt, so daß beim Lesen, obschon des Fachwissens keine Spur von Langeweile aufkommt.

Dem Buch beigelegt ist ein DinA4 grosses Schaublatt,  in welchem die Grundlagen des Zusammenspiels von Limbischen System und Grosshirnrinde ( wie später in dem Buch genannt Häschen und Denkerfunktion), sowie Einteilung in Ressourcenbereich und Zeitskala, illustriert sind.

Das Handbuch unterteilt sich in zwei Abschnitte, der erste Bereich vermittelt anschaulich die Theoretischen Grundlagen über 179 Seiten.

Theorethische Grundlagen, das liest sich auf den ersten Blick eher trocken und mag den Leser zunächst einmal etwas abschrecken. Jedoch verstehen es die Autoren meisterhaft, dem Interessierten die Zusammenhänge einer Traumatisierung in  beinahe spielerischer Art und Weise zu erklären.

In dem theoretischen Teil werden die grundlegenden Traumatheorien, sowie die Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie und Neurowissenschaften leicht verständlich erläutert.

Ab jetzt wird auch der Begriff Häschen – stellvertretend für das limbische System – und Denker – stellvertretend für die Grosshirnrinde eingeführt. Das Konzept mit Häschen und Denker begleiten einen, teils mit kleinen Illustrationen durch das gesamte Buch.

Dem Leser wird ein Überblick über die Gehirnentwicklung gegeben, direkt danach folgt der Teil der Selbstregulierung und Empathieentwicklung.

Sehr anschaulich und vor allem nachvollziehbar ist hier der mögliche  Entwicklungsverlauf des Menschen vom ungeborenen Fötus bis zur Pubertät aufgezeichnet.

Ab dem nächsten Kapitel folgt dann die Begriffserklärung des Trauma, Notfallreaktionen, Ressourcenbereich und Dissoziation.

Das letzte Kapitel im theoretischen Teil ist den Konsequenzen für die Praxis gewidmet. Das fängt an mit der Stabilität des Klienten, Erklärmodell der Notfallreaktion, neue Strukturen anbieten, etc, und vor allem auch das wichtige Gebiet Grundsätze im Kontakt mit traumatisierten Menschen und Selbstfürsorge.

Auch wenn Neugierde schon beim ersten Teil des Buches auf die Übungen aufkommt, halte ich gerade diesen ersten theoretischen Teil als Basiswissen für unabdinglich.

Auch in zweiten Teil des Handbuches wird noch einmal auf das Erklärmodell der Traumatisierung hingewiesen (Kapitel 3). Durch eigene Praxiserfahrung konnte ich bemerken, daß viele Klienten anhand des Wissens was situativ bedingt im Körper passiert, wesentlich sicherer und aufgeschlossener für eine therapeutische Begleitung waren.

Zum zweiten Teil: Vorweg sei gesagt, daß viele Übungen zumindest dem Therapeuten schon bekannt sein dürften, jedoch sorgt die strukturierte Einteilung je nach den wesentlichen Stufen der Stabilisierungsarbeit bis hin zur Normalisierungintervention für eine gute Übersicht, auf die auch im beruflichen Alltag jederzeit zurückgegriffen werden kann.

Begonnen wird mit Allgemeines zu den Übungen, also Durchführung der Übungen, Körperkontakt, eigene Präsenz etc.

Kurz werden auch Grundzüge der Krisenintervention angesprochen, wobei deutlich gemacht wird, daß dieses Handbuch, kein Buch für eine Krisenintervention im akuten Notfall darstellt

Die Übungen selber sind in 6 Bereiche eingeteilt, von Techniken der Reorientierung bis hin zur Einbeziehung des Umfeldes im letzten Kapitel.

Grosser Wert wird generell auch auf die Veranschaulichung durch Praxisbeispiele gelegt, so werden einige Übungen durch Fallbeispiele mit Handscripten ergänzt

Im zweiten Kapitel werden Reorientierungsübungen aufgezeigt, welche dem Traumatisierten ermöglichen sich wieder im “Hier und Jetzt” zu orientieren, das können Atemübungen sein oder auch sog. Musterunterbrecher wie die 5,4,3,2,1 Intervention.

Anschliessend folgt das Kapitel welches sich auf Körper und Geist im Hier und jetzt bezieht, im Vordergrund steht hier die Vemittlung des Erklärmodells mittels Notfallreaktion, Spannungskurve und Zeitlinie.

Im nächsten Kapitel wird auf Übungen für die Wahrnehmung in Zeit und Raum eingegangen, hier wird das Ressourcenbarometer installiert, eine sehr gute Übung um immer wieder Bezug auf die jetzt Zeit zu nehmen.

Für eine alltagsnahe Vemittlung sorgt das Kapitel welches sich mit der Erweiterung des Ressourcenbereiches beschäftigt, so z.B. die Tresorübung und sicherer Ort.

Da beide Autoren auch Hypnotherapeuten sind, ist es nicht verwunderlich, daß viele in diesem Kapitel angesprochene Übungen dem Hypnotherapeutisch ausgebildeten Leser bekannt sein dürften.

Die Übungen sind allerdings so anschaulich formuliert, daß auch der Laie auf diese wichtigen Werkzeuge zurückgreifen kann.

.Wenn dann bereits viel an Stabiliserung geleistet wurde, kann man sich dem Kapitel die Vergangenheit mit Abstand betrachten widmen, Hier wird u.a. die wirkungsvolle Bildschirmtechnik aber auch die Arbeit mit dem inneren Kind vorgestellt.

Auch wenn einige Übungen aus diesem Kapitel meines Erachtens zu kurz vorgestellt werden,  wird  eine gute Übersicht über die praktischen Anwendungsmöglichkeiten gegeben, wobei auch noch auf die Literaturhinweise hingewiesen wird, so daß der Interessierte eine gute Möglichkeit findet sich fachlich dementsprechend weiter zu bilden.

Alle Übungen folgen dem gleichen Schema, anfangs wird auf die Rahmenbedingungen einer jeder Übung eingegangen und vor allem Situationen in welchen die Übung hilfreich ist, dazu kommt noch Ziel und Anforderungen (Raum, Zeit, Material) .

Einige Übungen werden durch „Hausaufgaben“ bzw. Übungen zum Mitnehmen erweitert.

Zum Abschluss einer jeden Übungen wird auf  mögliche Schwierigkeiten und Besonderheiten im Kontakt mit verschiedenen Altersgruppen und Patienten eingegangen. Praktisch umzusetzen sind dann die anschliessenden Tips bei möglicherweise auftretenden Problemen.

Fazit: Zentrales Anliegen dieses Handbuches war es lt. Autoren, einen Leitfaden an die Hand zu geben, der eine Orientierung des Beraters in Stabilisierung und Begleitung des traumatisierten Menschen sein kann. Das ist den Autoren zu einhundert Prozent gelungen! Tatsächlich gibt es ja eine sehr grosse Auswahl  von Büchern in Bezug auf Traumatisierung und anwendbaren Techniken. Gerade dieses grosse Angebot könnte bei dem Beratern zu noch mehr gefühlte Hilflosigkeit und Verwirrung führen.

Durch das Handbuch Traumakomeptenz wird dem Anwender eine gute und vor allem umsetzbare Möglichkeit gegeben, mit traumatisierten Menschen erfolgversprechend zu arbeiten … Für mich eine ganz klare Kaufempfehlung!