Psychologie für den Spitzensport und Breitensport

0

Update August 2018: Die derzeitigen Vorkommnisse um Jan Ullrich sind aus psychologischer Sicht erwähnenswert. U. a. Prof. Stoll liefert dazu interessante Aussagen. Sinngemäß wird erwähnt, dass Spitzensportler nach dem Karriereende Probleme mit dem Selbstbewusstsein und dem Selbstwert bekommen können. Bisherige “Schutzsysteme” (Betreuer, Trainer, Berater), die unterstützend und Selbstwertstabilisierend wirken, entfallen nach der aktiven Karriere. Die allgemeine (positive) Aufmerksamkeit für den Sportler sinkt in der Folge … all das könne am Selbstbewusstsein des Sportlers nagen. Kann das bei Jan Ullrich auch der Fall sein? Kommen zu solch einer Konstellation noch besondere private und familäre Probleme, kann das überfordernd wirken und dazu verleiten, vor den Herausforderungen des aktuellen Lebens in einen Drogenkonsum zu flüchten …

 

Im Jahre 1989, kurz nachdem die “Boom Boom Boris”-Mania das Land ergriff, verfolgten viele die Spiele der Tennisprofis im Fernsehn. Im selber Jahr konnte man ein vorzügliches Beispiel von “Sportpsychologie” am Bildschirm verfolgen: Wer erinnert sich nicht an Ivan Lendl, einer der Stars im damaligen Tennissport. Ein Spieler der als sehr emotionslos und immer hochkonzentriert galt, die Nummer eins der Weltrangliste. Der Newcomer Michael Chang legte die nervliche Schwäche dieses “Überspielers” damals ganz deutlich zu Tage. Der Spielstand war knapp und Chang plagten schon Krämpfe vor Erschöpfung. Er tat etwas völlig unerwartetes, offensichtlich auch für Lendl, und machte einen läppischen “Hausfrauen-Aufschlag”. Lendl war perplex und völlig aus seiner Konzentration gerissen, die er bis zum Spielende auch nicht mehr wiederfand. Chang gewann das Spiel sensationell.

Dies ist ein Beispiel dafür, wie wichtig gut funktionierende und trainierte mentale, emotionale, also psychische Vorgänge und Abläufe für den Spitzensportler sind. Auch unter Belastung die Konzentration und Fokussiertheit zu behalten, ist nicht “Gott gegeben” sondern kann zu einem guten Anteil psychisch trainiert werden.

Ähnliches wiederfuhr übrigens vermutlich auch Jan Ullrich, als er im Kampf um das Gelbe Trikot bei der Tour den France 2003 die entscheidende Etappe gegen seinen ewigen Widersacher Lance Armstrong verlor. “Ulle” war im Verlauf der Tour immer besser geworden und hatte Armstrong schon beim Zeitfahren in die Schranken gewiesen. Ullrich schien in der Form seines Lebens und jetzt endlich in der Lage den Texaner einmal bei der Tour zu schlagen. Doch am Schlussaufstieg nach Luz Ardiden stürzte Amrstrong bei seinem Angriff überraschend. Ullrich, bis dahin seinem Kontrahenten mühelos folgend, schien nun aus dem Konzept gebracht und nicht mehr fokussiert. Er musste sich entscheiden … konzentriert auf Sieg fahren oder völlig umschwenken und nun plötzlich an “Fair Play” denken. Er tat letzteres, wartete auf alle Anderen und wurde dann vom sofort wieder attackierenden Armstrong abgehängt …

Was ist Sportpsychologie?

Was ist also die Psychologie des Sports, die Sportpsychologie? Die Sportpsychologie befasst sich mit solchen Phänomenen wie der oben erwähnten Konzentration und Fokussiertheit. Sie ist aber noch wesentlich vielfältiger aufgestellt und befasst sich nicht nur mit Spitzensport sondern auch mit Breitensport: Es wird menschliches Verhalten, Handeln und Erleben von Personen im Praxisfeld Sport erfasst. Sie befasst sich hierbei mit den psychologischen Feldern Entwicklung, Motivation, Lernen und Sozialpsychologie.

Es geht dabei um die Anwendung psychologischer Methoden im Praxisfeld Sport und auch um Sport als psychologische Interventionen. Themen sind zum einen Trainingsmethoden auf psychologischer Basis aber auch die Effekte von Sport auf das psychische Empfinden. Im Praxisfeld Sport geht es um eine Kombination von mentalem und körperlichen Training. Hierbei kommen verschiedene Trainingsmethoden, die unter Anderem auf die Aufmerksamkeitsregulation und Selbstgesprächsregulation abzielen, zum Einsatz. Diese Methoden werden zu dem Begriff „mentales Training“ zusammengefasst. Diese Methoden haben ihren Ursprung insbesondere in der Psychotherapie bzw. Verhaltenstherapie, in der es nicht zuletzt um Lernprozesse sowie die Modifikation von Verhaltens- und Denkweisen geht. Komplementär zum körperlichen Training ermöglicht das mentale Training dem Sportler, sich intensiv Bewegungsabläufe vorzustellen (Imaginieren) und sich in sie hineinzufinden. Die Handlung wird beim mentalem Training nicht körperlich ausgeführt sondern nur in der  Vorstellung durchgespielt. Je höher dabei die Präzision der imaginierten Abläufe, desto höher die Wahrscheinlichkeit, diese Abläufe auch in der Wettkampfsituation abrufen zu können.

Durch das Training der Prognosefähigkeit (Kompetenzerwartung) sowie der Selbstgesprächs- und Aufmerksamkeitsregulation sowie der Selbstregulation des Aktivierungsniveaus erhält der Sportler die Möglichkeit sich gezielt auf die Anforderungen seiner Disziplin einzustellen und diese erfolgreich zu bewältigen. Gerade unter Bedingungen, die von Stress und (Erwartungs-)Druck geprägt sind findet er so Möglichkeiten, fokussiert zu bleiben und die nötigen mentalen und körperlichen Ressourcen zu nutzen.

Auch für den Breitensport sind viele der abgeleiteten psychologischen Techniken in milderer Form anwendbar. So hilft es Menschen z. b. durch Visualisierungen und systematischen Belohnungen die Motivation für den Ausdauer- oder Kraftsport zu erhalten oder zu verbessern. Insbesondere die systematischen Belohnungen sind ein hervorragendes Instrument um die Motivation auch über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten.

Burn Out im Spitzensport

Auch das Thema der psychischen Störungen unter Spitzensportlern wird durch die Sportpsychologie erfasst. Einen dramtischen Höhepunkt in der Öffentlichkeit stellte der Suizid des Torwarts Robert Enke dar. Dieser litt unter Burn-Out und Depressionen. Weitere prominente Beispiele sind Sebastian Deisler und der Trainer Ralf Rangnik. Letzterer ging mit dem Burn-Out aus psychologischer Sicht sehr gut um, lies sich psychologisch beraten und kehrte nach einer Pause wieder zurück ins Fussballgeschäft.

Nach jahrelangen Spitzenleistungen ist es häufig der Fall, dass eine chronische psychische Überlastung vorliegt. Beachtet man den natürlichen psychischen Rhytmus zwischen Leistungserbringung und Erholung auf Dauer nicht, besteht die Gefahr dass sich eine Depression bzw. ein Burn-Out entwickelt. In den letzten Jahren sind diese Fälle im Spitzensport prominenter in den Medien vertreten. Zunehmend gehen Profis mit dieser Gefahr bewusster um. Im besten Falle holen sie sich Rat bei einem Sportpsychologen oder einem entsprechend ausgebildetem Berater bzw. Therapeuten.

Eine Psychologie Ausbildung wäre also für jeden Hobby- oder Spitzensportler, Trainer und Anwender eine hervorragende Ergänzung zu physiologischem und technischem Wissen. Trainingspläne und Wettkämpfe können durch sportpsychologisches Wissen wesentlich optimiert werden. Auf entsprechendes weist auch Martin Meichelbeck hin, wie wir hier bereits beschrieben haben.