Wohnungsdesorganisation – Biographische Sinnkonstruktionen des (An-)Sammelns – Sina König – Beltz-Verlag – Rezension

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„Ich bringe den Müll rein!“ – „Nein, ich!“. So könnte sich ein Dialog zwischen zwei Messies anhören.
Messies. Hat man mal gehört von. Das sind doch diese Menschen, die ihren Müll nicht wegwerfen, die bergeweise Zeitungen stapeln, Massen an Kleidungsstücken horten und ihre Wohnung letztlich so zustopfen, dass ein Leben darin kaum mehr möglich scheint. Alles verfault und gammelt vor sich hin, es stinkt sicherlich bestialisch. Ja, und irgendwann wird dann die Polizei gerufen und der Sozialpsychiatrische Dienst hinzugezogen…

Soweit zum viel Gehörten, meist nicht selbst Gesehenen. Sina König hat in ihrer Dissertation genauer hingeschaut und nachgeforscht: Wer sind diese Menschen und warum sammeln sie wirklich? Gibt es eine Vorgeschichte, gibt es ganz bestimmte, vielleicht sehr unterschiedliche Ursachen, die für dieses auffällige, aber zumeist doch so versteckt gehaltene Wohnverhalten verantwortlich sind?

Schätzungen von Selbsthilfegruppen nach sind rund 1,8 Millionen Menschen vom problematischen Verhalten des Sammelns, Stapelns und Hortens betroffen. Der Forschungsbedarf ist nach wie vor hoch. Auf der Suche nach Motiven und Hintergründen begibt sich daher Sina König in teilweise sehr lange, über Stunden dauernde autobiografische Gespräche mit zehn betroffenen Personen, die sich für ein solches Forschungsinterview bereit erklärt hatten.

Im Buch von Frau König werden drei dieser sog. narrativen Interviews einer besonderen Analyse unterzogen: der der formalen Textanalyse, in denen Interviewsequenzen nach ihrer Transkription strukturell beschrieben, analysiert und interpretiert werden. Das alles klingt recht wissenschaftlich – und ist es auch. Man darf nicht vergessen, dass hier eine Dissertationsarbeit vorliegt, die den sachlichen Regeln der Promotionsschrift-Anfertigung unterliegt. Der Aufbau des Buches von Frau König ist demnach der gleiche wie bspw. der bei einer Bachelorarbeit oder Masterthesis: Die Autorin führt in die Thematik und den Forschungsbedarf ein, klärt im nächsten Schritt relevante Grundlagen und -begriffe, um dann ihre Methode der Stichproben-Ansprache, Datensammlung und -auswertung zu beschreiben.

Den Schlussakt bilden die Darstellung zentraler Forschungsresultate und daraus abgeleitete Handlungsimplikationen für die Praxis (hier: für die Sozialarbeit und allen damit verknüpften Institutionen). Dieser zentrale Part kam für meinen Geschmack zu kurz. Der Schwerpunkt des Buches liegt inhaltlich eindeutig auf der Darstellung und Analyse der Interviews – eine kleinschrittige, detailreiche Arbeit, die die Wissenschaftlerin in mir durchaus interessiert, die ich jedoch nicht erwartet hatte, als ich das Buch bestellte und auf neue Befunde und Aspekte zum „Messie-Syndrom“ gespannt war.

Mein Fazit daher nach dem Lesen: Dieses Buch ist eine Promotionsschrift, kein reguläres Sachbuch, wie man es von der äußeren Aufmachung her erwarten könnte. Dennoch habe ich es in zwei Tagen durchgelesen, u.a. wegen der Schreibweise der Autorin, die auch für nicht-wissenschaftlich Arbeitende sehr gut verständlich ist. Ich weiß nun, dass der Begriff des Messies für manche auch ein herabwürdigender oder zu verniedlichender ist. Und ich weiß auch, dass das, was wir alles in die Schublade „Messie“ packen, ganz unterschiedlich aussehen kann:

Da sammelt der/ die Eine ganz aktiv, also bspw. Dinge vom Sperrmüll – und zeigt damit als Kind der Nachkriegsgeneration große Verbundenheit mit Gegenständen, die man „doch noch brauchen, aus denen man noch was machen kann“, geht vielleicht sogar in den stummen Protest gegen die heutige Wegwerfgesellschaft. Oder sie/er ist zwanghaft erkrankt – und in so hohem Maß vom Sortieren und Ordnen von gesammelten Gegenständen eingenommen, dass Alltagsaufgaben in ihrer Gesamtheit nicht mehr bewältigt werden können.

Andere entspringen eher der „Kategorie“ des passiven Sammelns; darunter versteht man das kraft- oder antriebslose Nicht-mehr-Aufräumen und -Wegwerfens, das sich letztlich so zuspitzen kann, dass die Verwahrlosung und Vermüllung der Wohnstätte aus eigenen Kräften nicht mehr aufgehalten werden kann. Depressionen, Suchterkrankungen, Demenz sowie physische, mit dem Alter einhergehende Mobilitätsbeeinträchtigungen können hierfür verantwortlich sein.

Aber auch traumatische Verlusterfahrungen, belastende biografische Anteile wie auffallend oft eine schwierige Kindheit und damit einhergehend eine verminderte Bindungsfähigkeit, die oft lebenslange Suche nach Halt, Anerkennung und Zuspruch – all diese Aspekte finden sich in den Lebensdarstellungen der Interviewten.

Und es wird deutlich: Ein „Messie“ zu werden – das sucht man sich nicht wirklich aus. Es passiert vielmehr. Aus einer ganzen Reihe von sehr unterschiedlichen Gründen.